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Medien |
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2005, Nr. 227, S. 40 |
Im Ghetto
:Tsunami" (Pro Sieben)
| Dies ist ein Hilferuf an die Adresse aller Besetzungsbüros und Casting-Agenturen, aller Regisseure und Produzenten: gebt Dan van Husen bitte endlich eine Rolle, |
| in der er einen harmlosen Kindergärtner oder einen treusorgenden Ehemann oder einen weichgezeichneten Stationsarzt spielen darf. |
| Befreit ihn endlich aus dem Ghetto der ewigen Bösewichte, der hämisch grinsenden Zyniker, der gewissenlosen Brutalos. Zeigt, daß auch Dan van Husen |
| liebenswerte Charaktere darstellen und seine Glatze nicht nur das Grauen des Dunkelmanns, sondern auch die Sonne des kleinen Glücks symbolisieren kann. |
| Gebt Dan van Husen eine neue Chance als Gutmensch. Der Abonnementsschurke hat wirklich mal die Rolle eines Menschenfreundes verdient! |
In dieser Produktion muß van Husen aber noch den skrupellosen Hardliner Kramlick
geben. Auf einer Bohrinsel vor Sylt leitet Kramlick eine aufwendige
Methanhydrat-Suchaktion des Unternehmens Alpha Gas, das sich wenig um die
Auflagen der EU- Umweltschutzbehörde schert. Alpha Gas will unbedingt an den
fossilen Brennstoff ran, um sich so möglichst schnell einen Vorteil auf dem
Weltmarkt zu erkämpfen. Kramlick hört auch nicht auf den firmeninternen
Umweltschutzbeauftragten Christian Wieland, ordnet riskante Sprengungen an, um
die Methanhydratfelder am Meeresgrund genau zu orten. Damit löst Kramlick
unkontrollierbare Naturreaktionen aus. Eine haushohe Welle überrascht auf Sylt
Einwohner wie Touristen. Alpha Gas will sich nach dem Vorfall aus der Affäre
ziehen, doch Kramlick sieht rot, zündet weitere Sprengladungen - und dies
gleichzeitig. Eine an die fünfzig Meter hohe Tsunami-Welle rollt auf die Insel
zu.
Van Husen grimmt und schießt sich als Umweltmonster durch die Handlung, in der
ansonsten engagierte Öko-Retter den Ton angeben: der freundliche Jaan (Kristian
Kiehling), ein enthusiastischer Surfer, der die bewegte See kennt und liebt und
weiß, wie man eine Riesenwelle zähmt; die zunächst zickige, dann charmante
Hydrologin Svenja Schweiger (Anja Knauer), die sich mit Jaan der Gefahr stellt
und sich natürlich auch in den Sonnyboy verliebt; schließlich der Helikopter-Cowboy
Holger (Ingo Naujoks), ein Hasardeur am Rande der Legalität mit - wir ahnen es
sofort - weichem Kern in der rauhen Schale.
| Die Welt ist selbst angesichts einer dräuenden Apokalypse schlicht strukturiert: Es gibt halt anständige Menschen und unanständige Kramlick alias Dan van Husen. |
| Dem sollte wirklich möglichst bald geholfen werden. Ich wiederhole: Der Abonnementsschurke hat wirklich mal die Rolle eines Menschenfreundes verdient ! |
HANS-HEINRICH OBUCH
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Medien |
Die Welt, 29.09.2005 |
Es sieht so aus, als ob die Welle, die diesen TV-Film fast versenkt hätte, zur Erfolgswelle geworden wäre. In 73 Länder ist "Tsunami" bereits verkauft. In Spanien ist die Produktion schon gezeigt worden und hatte dort einen Marktanteil von 26 Prozent. Dabei schien es im Dezember 2004, als hätte ProSieben den Film zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt bestellt. Nachdem die Dreharbeiten Ende Oktober abgeschlossen waren, befand man sich gerade in der Schlußproduktion, als die Naturgewalt zu Weihnachten über die Küsten Asiens und Afrikas rollte und Hunderttausende Menschen starben. Von diesem Moment an mußte Regisseur Winfried Oelsner zwar niemandem mehr erklären, was ein Tsunami ist, aber der ursprünglich fürs Frühjahr angesetzte Sendetermin wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die etwas hysterische Pietät aller Sender, die um die Jahreswende herum auch dazu führte, daß Lieder wie "Die perfekte Welle" verbannt und eine Ausstrahlung des Films "The Beach" abgesetzt wurde, hat nun offenbar ihr Verfallsdatum erreicht. Schließlich ist "Tsunami" sogar nach Indonesien und Sri Lanka verkauft worden. Warum also auf der anderen Seite der Welt noch länger zögern? Deshalb zeigt ProSieben den Film heute zur besten Sendezeit. Nach einer Umfrage der Zeitschrift "TV Movie" halten das 56 Prozent der Deutschen für in Ordnung, 40 Prozent finden es geschmacklos.
Qualitative und inhaltliche Einwände können gegen die Sendung kaum geltend gemacht werden: Zwar sind die Bösen hier von Anfang so leuchtend und lupenrein böse, daß man ihre Bosheit schleifen könnte wie einen Edelstein. Und die Behörden und die Polizei sind so unfaßbar begriffsstutzig, daß man sich fast wünschen würde, all diese Dummheit würde von einer Sintflut hinweggespült. Dem gegenüber steht eine Ferienidylle, die Sylt mindestens so sauber, heil und banal zeigt wie die Konkurrenzinsel Rügen bei "Hallo Robbie!". Aber die Effekte, mit denen diverse immer schlimmere Monsterwellen und ihre Auswirkungen dargestellt werden, sind ebenso aufwendig und sehenswert wie die wilden Maschinenpistolenballereien, Motorradstunts und Hubschrauberkapriolen.
| Ausgelöst wird die große böse Filmwelle von Menschenhand, nämlich vom skrupellosen Ölingenieur Kramlick |
| (mit Gesicht und Aura eines klassischen "Heavy" : Dan van Husen) , der mit Sprengungen Methanhydrat in der Nordsee sucht. Es gilt manchen als Brennstoff der Zukunft. |
| Es gilt manchen als Brennstoff der Zukunft. |
Doch solche ökologischen Fragen liefern in "Tsunami" nur den erzählerischen Hintergrundsoundtrack: Als der Sicherheitsexperte Christian Wieland (Lars Gärtner) allzu hartnäckig davor warnt, daß Kramlicks Explosionen ein Unterwasserbeben und eine Flutwelle auslösen könnten, räumt Kramlick ihn aus dem Weg. Das lockt Wielands besten Freund, den etwas abgehalfterten Surf-Champion Jaan (Kristian Kiehling) aus seiner Lethargie heraus auf Kramlicks Bohrinsel. Gemeinsam mit der Umwelt-Beamtin Svenja Schweiger versucht er, die Katastrophe in letzter Minute zu verhindern.
Die ganze Debatte, ob man den Film zeigen darf,
hat schon jetzt etwas künstlich Erregtes. Jeder Angehörige eines deutschen
Tsunami-Toten wird die Ausstrahlung mit allem persönlichen Recht schamlos finden.
Aber daraus ein Darstellungsverbot abzuleiten, würde das Ende fast jeder Art von
spannender Fiktion bedeuten - im Fernsehen, im Kino, in der Literatur und im
Theater. Am Ende ist ohnehin jede Pietät nur eine Frage der Schonzeit, und jede
Menschheitskatastrophe wird irgendwann zum Mythos, bei dem sich große und kleine
Erzähler bedienen.
"Tsunami". ProSieben
Artikel erschienen am Do, 29. September 2005
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